

(Bild: Büro Pascal Reddig)
"Politiker müssen wieder bessere Entscheidungen treffen, dann wählt keiner mehr die AfD"
Der Bundestagsabgeordnete für den Bundeswahlkreises der Stadt Hanau, Pascal Reddig, hat sich und seine Arbeit vor den Schülerinnen an der St. Josefschule vorgestellt. josefine hat sich die Chance nicht entgehen lassen und eigene Fragen gleich hinterhergeschoben. Hier unser Gespräch.
Von Chiara, Emilia und Helena
josefine: Guten Tag Herr Reddig, schön, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben. Sie sind seit etwa einem halben Jahr Bundestagsabgeordneter in Berlin. Wieso sind Sie eigentlich Politiker geworden?
Ich bin als 16-Jähriger in die Junge Union eingetreten, weil ich mich damals vor Ort in Rodenbach für etwas ganz Konkretes einsetzen wollte, nämlich für Tornetze auf dem Sportplatz. Damit bin ich beim Bürgermeister nicht weitergekommen. Und dann habe ich gesagt: Da musst du selbst anfangen, dich zu engagieren. Und ich habe gemerkt, dass ich bei ganz vielen anderen Fragen und Entscheidungen auch mitreden und Dinge mitentscheiden kann. Und, dass Politik manchmal zwar langatmig ist, aber auch wirklich Dinge verbessern kann.
josefine: Wie sieht denn so ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?
Jeder Tag ist anders. Ich bin ungefähr die Hälfte des Jahres in Berlin und die andere Hälfte im Wahlkreis. In Berlin geht die Woche von Montag bis Freitag, meistens von 7. 30 Uhr bis spät in die Nacht und wir haben ganz viele Sitzungen, Treffen, Ausschüsse, Versammlungen. Ich treffe mich mit ganz vielen Expertinnen und Experten, um in den Themenbereichen, für die ich zuständig bin, Wissen zu sammeln. Im Wahlkreis dagegen bin ich von morgens bis abends eigentlich hier in der Region unterwegs, auf Veranstaltungen, Festen, Mitgliederversammlungen, aber auch ganz viel an Schulen, bei Vereinen, bei Unternehmen, bei sozialen Einrichtungen, um da zu hören, welche Themen die Leute beschäftigen.
josefine: Wie gehen Sie mit Kritik um, vor allem auf Social Media?
Als Politiker gehört Kritik dazu, die muss man auch aushalten, aber es muss in einem sachlichen Maß bleiben. Manchmal ist es nicht nur Kritik, sondern Beleidigungen. Und das ist eben, was viele von der Politik fernhält, weil sie wissen, dass man mit Hass und Hetze konfrontiert ist. Und da versuche ich schon, wenn es strafrechtlich relevant ist, auch das anzuzeigen und dagegen vorzugehen. In allen anderen Bereichen versuche ich, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, die halt komplett anderer Meinung sind. Ich habe gestern jemanden getroffen, der mich angeschrien hat, dass er jetzt die AfD wählt und überhaupt kein Vertrauen mehr hat. Und jetzt sind wir in ein paar Wochen verabredet, um halt darüber zu sprechen. Und ich glaube, es wird sicherlich kein vollkommen cooles Gespräch werden, aber wir müssen vielmehr auch mit den Leuten reden, die sich mittlerweile von dem System entfernt haben, weil wir die sonst irgendwann nicht mehr zurückbekommen.
josefine: Wie kompromissbereit muss man in einer Demokratie sein?
Sehr gute Frage. Ich habe mich schon häufig über manche Kompromisse geärgert, weil man denkt, eigentlich ist man davon überzeugt, dass seine Position ja die richtige ist. Aber in der Demokratie ist es manchmal auch gar nicht so schlecht, wenn man mal einen Schritt zurückgeht und sich sagt: Vielleicht hat auch der Gegenüber recht. Das führt am Ende eine Gesellschaft zusammen.
josefine: Wie lange dauert manchmal so eine Verhandlung zwischen den verschiedenen Parteien, bis wirklich eine Lösung geschlossen wird?
Ganz unterschiedlich. Bei manchen Themen klappt es innerhalb von Stunden oder Tagen, bei anderen Themen diskutieren wir Monate oder Jahre, weil wir nicht zu einem Kompromiss kommen. Aber am Ende sind wir alle gewählt worden, um die Interessen der Menschen umzusetzen. Und deswegen ist es legitim, dass man über die ganz großen Fragen auch mal länger, auch in der Öffentlichkeit, spricht und diskutiert und nach dem richtigen Weg sucht.
josefine: Zum Thema Bundeswehr. Woran könnte es liegen, dass so wenige dorthin möchten?
Es ist natürlich nicht attraktiv, zu wissen, dass man sich auf ein mögliches Kriegs-Szenario vorbereitet. Unsere Generation und auch eure junge Generation sind ja in Frieden und Freiheit aufgewachsen. Aber wir sehen mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine, dass sich die Sicherheitslage einfach um uns herum vollkommen verändert hat. Und wir alle hoffen nicht, dass es irgendwann auch zum Angriffsfall auf Deutschland kommt. Aber wir müssen darauf vorbereitet sein, und im Moment sind wir das noch nicht. Und deswegen müssen wir vor allem personell stärker werden, damit es ein Abschreckungspotenzial auch gegenüber Russland und auch anderen feindlichen Mächten hat, und das versuchen wir jetzt mit dem neuen Wehrdienst umzusetzen.
josefine: Sind Gaza und Israel auch ein Thema?
Ganz, ganz viel. Wir haben alle ein Interesse daran, dass es den Menschen dort besser geht und dass es Frieden gibt und keine kriegerischen Auseinandersetzungen mehr. Dafür muss die Hamas entwaffnet werden, und dann müssen wir uns, glaube ich, auch als Deutschland im Wiederaufbau der Region engagieren.
josefine: Was gibt es denn für Lösungen für Menschen mit mentalen Schwierigkeiten?
Wir haben darüber viel zu wenig in den letzten Jahren gesprochen. Wir müssen uns vor allem mit der Frage beschäftigen, wie wir mit Social Media bei jungen Menschen umgehen. Da wird es bald eine Entscheidung geben, die wahrscheinlich in die Richtung geht, dass wir Altersbeschränkungen für junge Menschen bei der Nutzung von Social Media haben. Wir brauchen mehr Therapieplätze, gerade im ländlichen Raum, aber auch für Kinder und Jugendliche, die im Moment an ganz vielen Stellen fehlen. An Schulen brauchen wir durchgängig Zugang zu Schulsozialarbeit und Schulpsychologen für einfachen Zugang, damit junge Menschen mit psychischen Problemen schnell Hilfe bekommen.
josefine: Wie wollen Sie gegen Rechtsradikalismus und Extremismus vorgehen?
Dass gerade die AfD, aber auch die Linkspartei so extrem hohen Zuspruch haben, liegt vor allem daran, dass viele das Vertrauen in die CDU, SPD und Grüne verloren haben. Ganz viele wählen im Moment aus Frust extrem rechts und links. Sie haben das Gefühl, dass sie durch die Entscheidungen in den letzten Jahren weniger Geld im Portemonnaie haben, sich kein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung mehr leisten können, und wir Probleme mit Migration an manchen Stellen haben. Wir müssen also künftig viel bessere Entscheidungen treffen, um das Vertrauen der Wähler zurückzugewinnen. Dann gibt es keinen Grund mehr, AfD oder die Linkspartei zu wählen.
josefine: Welche Wege raten Sie Schülerinnen, die sich auch für den Politikerberuf interessieren?
Auf jeden Fall einfach mal ausprobieren und hingehen. Ich bin damals zur Jungen Union, also zum CDU-Nachwuchs gegangen und habe mir das angeschaut. Dort gibt es ganz häufig nicht nur politische Diskussionen, sondern auch Freizeitaktivitäten, an denen man teilnehmen kann. So merkt man, ob man sich mit den Leuten gut versteht und ob es passt. Alle Parteien sind überaltert und brauchen junge Menschen in der Politik.
josefine: Herr Reddig, vielen Dank für das Interview.