

(Foto: Karsten Dreinhöfer)
"Sie hat ihre Mission erfüllt"
Der Sänger Max Raabe war ein guter und langer Freund der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer. Sie lernten sich in New York kennen, besuchten sich später oft gegenseitig in Berlin und fuhren zusammen Boot. josefine hat Max Raabe in Frankfurt in der Alten Oper auf seiner Tour getroffen. Wir wollten von ihm wissen, was Margot Friedländer privat für ein Mensch war. Am Ende lachten wir zusammen über sie, und waren zusammen traurig.
Von Alina und Helena
josefine: Guten Tag Herr Raabe, schön, dass Sie sich, trotz Tourstress, hier in der beeindruckenden Alten Oper für uns Zeit genommen haben. Wir würden uns mit Ihnen gerne über Margot Friedländer unterhalten. Sie waren ein enger Freund von Margot und wir wollten gerne wissen, wie Sie sich denn eigentlich kennengelernt haben. Wir haben gelesen, dass Sie sich schon in New York getroffen haben, aber wie genau ist es abgelaufen?
Max Raabe: Das Palast Orchester und ich hatten 2007 ein Konzert in New York und der damalige Kulturstaatssekretär André Schmitz, hat mir erzählt, dass er Margot zu dieser Zeit in New York trifft und hat ihr vorgeschlagen, ins Konzert zu gehen. Schmitz betreute damals ein Programm des Berliner Senats, das vertriebene Juden einlud, in ihre Heimatstadt zurückzukommen.
Auf jeden Fall sind wir nach dem Konzert gegenüber von der Carnegie Hall in eine Pizzeria gegangen und haben uns auch nett unterhalten. Aber da waren auch noch ganz viele andere Leute, so viel konnte ich dort gar nicht mit ihr sprechen. Aber wir waren uns sofort irgendwie sehr sympathisch, so, als ob man sich schon kennt.
josefine: Sie singen ja vor allem Lieder aus den 20er und 30er Jahren, auch von jüdischen Komponisten, wie Margot Friedländers Lieblingslied "Irgendwo auf der Welt". Wie ist ihre Freundschaft entstanden? Ist es Ihre Musik, die Margot Friedländer an ihre schöne Kindheit in Berlin erinnert? Oder ist es eine gemeinsame Haltung?
Max Raabe: Das hatte gar nichts mit dem zu tun. Wir haben uns einfach gut verstanden, das war einfach ein freundschaftliches Verhältnis. Nein, wir haben über alles Mögliche gesprochen, aber über meine Arbeit und das, was ich mache, so textlich, inhaltlich, das war kein Thema. Sie hat höchstens mal gefragt: Gehst du jetzt auf Tour oder hast du frei. Oder ich habe ihr manchmal erzählt, ich schreibe gerade und das ist in etwa der Inhalt. Dann hat sie gerne zugehört. Und bei den Konzerten - einmal im Jahr spielen wir für zwei Wochen im Admiralspalast in Berlin - da war sie immer da. Hat immer zugehört, manchmal haben wir uns danach getroffen, manchmal einen Tag später oder so, je nachdem, ob sie gerade Freunde dabei hatte. Und dann war sie wie meine Freundin, manchmal war sie wie meine Mutter, manchmal war sie wie meine Tante. Nach einer Viertelstunde habe ich vergessen, wie alt sie ist, weil sie so klar im Kopf war.

(Foto: Karsten Dreinhöfer)
josefine: Margot Friedländer ist ja nach 64 Jahren in den USA dann ganz nach Berlin zurückgekehrt, obwohl die Deutschen damals ihr alles genommen haben. In einem Interview meinte sie: "Ich fühle mich, als ob ich wieder zu Hause bin". Warum mochte Margot Friedländer Berlin so, war das ihr kleines bisschen Glück, von dem sie in ihrem Lieblingslied träumt?
Max Raabe: Margot hat immer erzählt, dass sie eigentlich vier Leben hatte: Eines als Kind, dann das als Jugendliche, wo sie aufpassen musste, also im Dritten Reich. Dann die Zeit in Amerika, wo sie wieder ganz neu angefangen hat, und dann die Zeit, wo sie nach Berlin zurückkam.
Sie wollte vor allem wieder nach Berlin, weil es ihre Heimat ist. Sie ist in Berlin auf die Welt gekommen, sie fühlte sich hier wohl in der Stadt. Und das kann man einem Menschen nicht nehmen. Das war ihr irgendwann ganz klar, als sie dann immer mal wieder nach Berlin kam. Da war sie allerdings schon so Mitte 80 und meinte: "Ach, wenn ich jünger wäre, jetzt bin ich ja schon Mitte 80, dann würde ich nochmal überlegen, nach Berlin zurückzuziehen, aber ich bin eben schon so alt. "
Aber irgendwann hat sie es dann doch gemacht, hat erst mal so zur Probe in einem Hotel gewohnt und ist dann in ein Heim gezogen, mitten in der Stadt, gleich am KDW um die Ecke. Dort hatte sie eine eigene Küche, ein kleines Schlafzimmer und ein Wohnzimmer. Alles überschaubar und gemütlich.
Wir haben ja vor ein paar Jahren mal in Israel gespielt und ganz viele Juden, auch alte Juden kennengelernt. Da hat keiner gesagt: "Ich bin jüdisch. " Da hat keiner gesagt: "Ich bin deutsch. " Da haben die gesagt: "Ich bin Frankfurter. " Oder "Ich bin Berliner. " Und da wurde erst recht klar, wie absurd diese Haltung ist, jemanden auszugrenzen, nur weil er eine andere Religion hat. Und das war ja auch Margots Aufgabe, am Ende zu sagen: "Wir sind alle gleich." Es gibt keine Menschen, die jüdischen Blut sind oder christlichen oder muslimischen Blut sind. Wir haben alle dasselbe Blut. Wir sind alle dieselben Menschen.
josefine: Im Sommer verbrachte Margot auch sehr gerne Zeit bei Ihnen im Garten und am See und war begeistert vom Bootfahren. An welche gemeinsamen Erlebnisse denken Sie besonders gerne zurück? Was war typisch für Margot?
Max Raabe: Margot hat mir mal erzählt, dass sie in New York gerne Auto gefahren ist und dass sie das vermisst. Ich wohne am See und habe ein kleines Motorboot, eine ganz alte Gurke. Aber es hat ein großes, rundes Lenkrad. Und da habe ich gesagt: Ja, Margot, dann fahr doch mal wenigstens mit dem Boot. "Ja, meinst du?", antwortete sie. Und naja, jedenfalls hat sie sich dann hingesetzt und ist gefahren. Und da habe ich zu ihr gesagt: "Übrigens ist das der Hebel, mit dem du nur schneller fahren kannst". Das erste, was sie tat, sie hat den Hebel ganz nach vorne gelegt und wir sind wie die Wilden übers Wasser geprescht. Irgendwann mal war Karsten Dreinhöfer mit dabei, ein ebenso eng mit ihr befreundeter Arzt. Und wir haben uns hinten auf das Boot gesetzt und Margot fotografiert und gefilmt, wie sie da so über das Wasser prescht. Und um eine bessere Perspektive zu haben, haben wir uns hinten auf die Lehne gesetzt. In dem Moment legt Margot den Hebel ganz nach vorne und wir wären beide fast ins Wasser gefallen. Ich bin mir sicher, das hätte sie erst nach 20 Minuten gemerkt, und wer weiß, ob sie uns dann wiedergefunden hätte. Also, das war schon sehr lustig, aber das ist auch typisch für sie gewesen.

(Foto: privat)
josefine: Margot war ein dankbarer Mensch, voll mit Energie. Aber war sie auch manchmal nachdenklich oder verärgert?
Max Raabe: Also sich mit Schülern zu treffen, über das zu berichten, was sie erlebt hat, das war ihr enorm wichtig. Sie erklärte es den Schülern so: Wenn ihr mal so alt seid wie ich, dann könnt ihr immer noch sagen, ich habe mit einer Frau gesprochen, die das miterlebt hat, das ist real. Und die Resonanz danach war auch immer stark. Die Schüler haben ihr auch nach ihrem Besuch immer noch Fotos geschickt oder von ihren Projekten erzählt. Ihre Couch war zugesetzt mit Stofftieren, die sie geschickt bekommen hat.
Und das war das, was sie euch und auch uns allen mitgegeben hat, das weiterzutragen, irgendwie Menschen zu sein und sich zu schätzen, auch wenn man unterschiedlicher Meinung oder unterschiedlicher Religion ist, dass man sich erstmal zuhört. Man muss ja nicht derselben Meinung sein, aber man muss sich respektieren.
Diese Anerkennung und der Respekt, der ihr überall entgegenkam, dass die Leute ihr zugehört haben, dass sie eben diese Aufgabe hatte, diese Mission, und dass sie damit nicht vor die Wand lief, sondern gehört wurde - das hat sie, glaube ich, sehr viel Energie gekostet, aber ihr auch viel Kraft gegeben.
Manchmal, wenn sie einfach bei mir im Garten saß, dann habe ich auch gemerkt, dass sie plötzlich traurig, also still wurde. Und da habe ich schon gemerkt, dass ihr ganz viel durch den Kopf ging. Also ihre Geschichte, das war natürlich präsent. Auch die aktuelle Politik hat sie oft sehr traurig gemacht. Was in Deutschland passiert, was in Israel passiert, was in Gaza passiert, das hat sie alles sehr traurig gemacht und beschäftigt. Sie war immer einerseits mit ihrer eigenen Geschichte verhaftet, aber andererseits war sie komplett in der Jetztzeit mit ihren Gedanken und ihren Überlegungen.

(Foto: privat)
josefine: Sie kannten Margot Friedländer eine lange Zeit. Was meinte sie konkret, wenn sie sagte, seid Menschen. Meinte sie, seid anständig, respektvoll und mitfühlend?
Max Raabe: Sich zu akzeptieren, wie man ist, und dass es keinen Grund gibt, aufeinander loszugehen. Im Grunde ist das die Kernaussage bei sehr vielen Religionen, respektiert euch. Es gibt ja so ein ganz banales Sprichwort: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Das ist ein einfaches moralisches Prinzip, aber es ist im Grunde die Wahrheit.
josefine: Sie stand ja immer mehr im Rampenlicht. Wie ist sie damit umgegangen?
Max Raabe: Sie hat genau gemerkt, wer nur ein Foto machen und wer sie wirklich kennenlernen wollte. Margot hatte da eine hohe Sensibilität, wenn da irgendein hoher Politiker sich einfach so mal hinstellte, oder jemand wirklich Interesse an ihrer Person hatte.
Sie hat eher einen Bogen um Leute gemacht, die wichtig sind, als eher sich um Leute gekümmert, die irgendwie was Gutes tun. Zum Beispiel hatte sie ein ganz großartiges Verhältnis zu den Stadtteilmüttern in Berlin. Das sind Frauen, die sich um Kinder und Schüler kümmern, die es schwer haben. Und das sind fast alles muslimische Frauen. Dann kamen sie mit ihren Kopftüchern an und rannten auf Margot zu, Margot rannte auf sie zu und die haben sich geknuddelt. Also, muslimische Frauen, die wahrscheinlich sehr streng waren, und eine jüdische Frau, das war egal. Margot hat so etwas einfach gelebt und solche Kontakte waren ihr tausendmal wichtiger, als irgendwelche wichtigen Politiker zu treffen. Und das fand ich so beeindruckend. Eben, weil sie Respekt hatte vor diesen Frauen, die sich so einsetzen für Schüler in schwierigen Stadtteilen. Natürlich stark im Migrationshintergrund und so. Und da hat man gemerkt, wofür sie brannte und was ihr wichtig war. Welche Prioritäten sie gesetzt hat.

(Foto: Karsten Dreinhöfer)
josefine: Es hatte den Eindruck, als ob sie immer mehr machte, je älter sie war.
Max Raabe: Ja, das wurde immer mehr, die Resonanz und die Aufmerksamkeit, das war schon enorm, das wuchs tatsächlich mit den Jahren. Ich glaube, das hat sie auch selbst verblüfft und dann natürlich auch gefreut, dass es die Leute nicht ausblenden und ignorieren, sondern dass das wichtig ist, oder dass ihre Mission wahrgenommen wird. Dass sie nicht gegen die Wand redet, und sie war eben sehr warmherzig und strahlend.
josefine: War sie dann abseits des Rampenlichts lieber gerne alleine oder unter Menschen?
Max Raabe: Sie wollte Menschen treffen, ging gerne unter die Leute. Wenn ich irgendwie in der Gegend war, dort, wo sie wohnte, habe ich angerufen und gefragt, kann ich kurz vorbeikommen? Dann sagte sie oft: Ja, aber ich werde gleich abgeholt, ich gehe dann ins Theater, oder so. Also, sie war immer jeden Tag irgendwie beschäftigt, und dann habe ich gesagt, ich brauch nur 20 Minuten und dann habe ich mich da mit ihr unterhalten können. Denn auf den großen Veranstaltungen ist es viel zu laut und zu hektisch, das bringt ja nichts, das hat ja keine Freude gemacht. Aber sie war ganz oft im Theater, auf verschiedenen Veranstaltungen und war einfach so interessiert an Menschen.
Aber sie war auch gerne alleine, hat gelesen, hat am Computer gesessen und mit ihrer dicken Katze geschmust. Irgendwann wurde die Katze vom Füttern immer dicker und Margot immer dünner. Und da habe ich ihr gesagt, Margot, du musst mal etwas auf dich Acht geben. Aber es war wirklich beeindruckend, wie stark sie war und wieviel sie gemacht hat.
In den letzten zwei Monaten war sie dann schneller mal müde, aber wenn sie sich dann hingesetzt hat, war sie schnell wieder wach. Und dann hat sie manchmal gesagt: Max, ich weiß ja auch nicht, irgendwie tut das weh und dann kann ich nicht mehr so gut, und so was. Dann habe ich ihr gesagt, Margot, du bist halt keine 100 mehr. Da war sie 103. Mit 100 war sie wirklich noch ganz, ganz agil. Eigentlich war es sie bis zum Schluss. Als sie am Ende sehr krank war, hat sie gesagt, ich habe meine Mission erfüllt. Da hat mich dann auch so ein bisschen getröstet.

(Foto: privat)
josefine: Sie sind im Kuratorium der Margot-Friedländer-Stiftung. Wie sieht Ihre Aufgabe dort aus, vor allem jetzt nach Margots Tod? Was braucht es, damit Margot Friedländers Mission und Vision möglichst noch lange Zeit fortbesteht?
Max Raabe: Ich bin ehrlich gesagt nicht die tatkräftigste Figur da in der Stiftung. Wenn man mir sagt, mach mal dies und guck mal da, dann organisiere ich das. Und wenn es Benefiz-Geschichten gibt oder ich irgendwas tun kann, dann bin ich dabei. Ich bin allerdings so viel weg, so viel auf Tour. Ich habe zu Margot gesagt, du musst da seriöse Leute ins Kuratorium reinholen und nicht so Musikvögel wie mich. Aber sie hat darauf bestanden, dass ich in das Kuratorium eintrete, und das habe ich dann auch gemacht.
Ich möchte trotzdem gerne die Projekte unterstützen, die Margots Idee weitertragen. Und es gibt sehr viele Projekte, die die Stiftung unterstützt. Ich war jetzt das erste mal überhaupt in der Kuratoriumssitzung und war ganz beeindruckt, wie viele Projekte da gerade am Start sind und gemacht werden. Das ist wirklich beeindruckend.
josefine: Wie hat sich das nach Margots Tod entwickelt? Gibt es daran noch ein Interesse?
Ja, das bleibt. Wir haben das richtig anhand der Zuschriften, anhand der Spenden und an den Aktivitäten außerhalb der Stiftung festgestellt. Als sie starb, war das natürlich enorm, dann beruhigte sich das leicht und jetzt ist es wieder genau auf demselben Niveau wie davor und sogar stärker. Und das finde ich sehr beeindruckend.
josefine: Herr Raabe, wir danken Ihnen sehr für das persönliche Interview und die privaten Fotos, die wir hier verwenden dürfen.

(Foto: Johannes Ernst)