josefine zu Besuch bei den Strassenengeln: Links sitzt Hans, rechts Sabine Assmann (Foto: Andreas Grote)

"Dann gibt es dich eigentlich gar nicht mehr"

Die josefine-Redaktion war beim Verein Strassenengel am Nordbahnhof in Hanau. Dort kümmert sich die Gründerin Sabine Assmann mit ihrem Team um Obdachlose. Wir wollten von ihr wissen: was ist eigentlich obdachlos, wie verhalte ich mich ihnen gegenüber. Und wer ist Hans?

Von Katharina und Amy, Mitarbeit: Clara und Elina

josefine: Hallo Frau Assmann, schön, dass Sie für uns Zeit haben. Wir sitzen hier mit Ihnen im Haus Ihres Vereins am Hanauer Westbahnhof, den Strassenengeln, das Obdachlosen eine Anlaufstelle bietet. Wir haben gelesen, in Hanau gibt es etwa 300 bis 400 Obdachlose, also Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben. Uns würde interessieren, warum werden Menschen eigentlich obdachlos?

Assmann: Es gibt ganz viele verschiedene Schicksale. Aber meistens sind es Männer, die obdachlos sind, weil sie von ihren Frauen verlassen wurden und von zu Hause raus müssen. Hinzu kommt, dass sie in vielen Fällen psychische Probleme haben. Und dann verlieren sie in dieser Krise die Kontrolle über ihr Leben. Manchmal haben sie noch eine Unterkunft, wo sie vorübergehend bleiben können. Aber wenn man nicht schnell genug eine neue Wohnung findet, landet man schnell auf der Straße, sein bisheriges Leben passt dann oft in eine Tasche, man hat keine Adresse und dann gibt es dich eigentlich gar nicht mehr.

josefine: Hört sich an wie ein Teufelskreis, in den ein Obdachloser sich befindet. Könnten sie das erläutern?

Assmann: Das stimmt. In Deutschland benötigt man einen festen Wohnsitz, um arbeiten gehen zu können und man muss arbeiten gehen, um eine Wohnung zu bekommen. Auch kann man nur zum Arzt gehen, wenn man eine Arbeit hat und seine Krankenversicherung bezahlen kann. Das alles können Obdachlose nicht.

josefine: Wie kann Strassenengel den Obdachlosen in dieser Situation helfen?

Assmann: Wir helfen den Obdachlosen, indem wir ihnen hier bei uns eine Anschrift geben, damit sie Post empfangen können und helfen ihnen im Umgang mit den Ämtern, um Hilfen zu beantragen. Zudem haben wir hier bei uns mittwochs eine Sprechstunde, wo Ärzte ehrenamtlich zu uns kommen und Obdachlose auch ohne Krankenversicherung, also kostenlos, behandeln. Im Notfall schicken wir Obdachlose natürlich direkt ins Krankenhaus, auch wenn es dann hin und wieder Diskussionen gibt, denn sie bleiben schliesslich auf den Behandlungskosten sitzen.

josefine: Wenn wir uns umsehen, Sie haben nicht nur einen gemütlichen Aufenthaltsraum, der die ehemalige und umgebaute Gaststätte des Westbahnhofs ist, sondern auch eine komplette Küche hier?

Assmann: Ja, wir kochen hier jeden Tag mit Lebensmittelspenden von privaten Leuten oder von Supermärkten hier aus der Umgebung, jeden Tag frisch und gesund. Wer sich kein Essen leisten kann, ist hier herzlich willkommen. Manchmal sind sogar bis zu 30 Gäste hier. Wer möchte, kann sich auch Lebensmittel mitnehmen. Wir haben Hühner draussen, die uns mit Eiern versorgen, und pflanzen im Sommer auch Gemüse selbst im Garten nebenan an. Wir haben eine Kammer mit Kleidung, die wir gespendet bekommen und an Obdachlose kostenlos abgeben. Die sammeln wir überall in Hanau verteilt in unseren eigenen Containern und auch hier direkt vorm Haus. Auf dem Friedhof in Hanau haben wir einen eigenen Baum, unter dem verstorbene Obdachlose, die hier bei uns waren, beerdigt werden.

Josefine: Das klingt nach sehr viel Arbeit, wie kann man Sie unterstützen?

Assmann: Um das alles hier am Laufen zu halten, entstehen jeden Monat Kosten von etwa 7000 Euro. Und das müssen wir alles über Spenden finanzieren. Wir brauchen alles das, was man im normalen Leben auch braucht. Auf unserer Website steht unter Rubrik "Was wir brauchen" alles, was wir annehmen dürfen und was wir benötigen. Da freuen wir uns immer, wenn etwas kommt. Auch Kleidung, Schuhe oder Bettwäsche, die nicht mehr gut ist, sammeln wir trotzdem, denn dafür bekommen wir Geld. Aber bitte nichts zum Essen einfach vor die Tür stellen, das dürfen wir nicht annehmen.

josefine: Warum ist das Haus der Strassenengel so wichtig für die Obdachlosen? Könnten sie das näher erklären?

Assmann: Neben der Hilfe bei der Komunikation mit den Ämtern ist es das familiäre, das soziale, das sie sonst nicht mehr haben in ihrem Leben. Im Sommer bewirtschaften sie gemeinsam die Gemüsebeete, das gibt ihnen eine Aufgabe, eine Gemeinschaft. Die Obdachlosen sollen bei uns so etwas wie ein zu Hause haben. Sonst sitzen sie den ganzen Tag irgendwo rum, haben nichts zu tun, und die Situation, in der man sich befindet, wird immer schlimmer. Einigen Obdachlosen können wir hier bei den Strassenengeln eine kleine Arbeit geben, das bekommen wir vom Amt bezahlt, so nehmen sie am sozialen Leben wieder ein Stück weit teil.

josefine: Kommen nur Obdachlose zu Ihnen? Wenn nicht wer kommt denn noch?

Assmann: Nein neben den Obdachlosen kommen auch immer mehr ältere Menschen, die von Altersarmut betroffen sind, vor allem Frauen ohne oder nur mit kleiner Rente, die sich ein normales Leben nicht mehr leisten können.

josefine: Viele sagen, dass es in Deutschland eigentlich keine Obdachlosen geben müsste, da unser Land reich genug ist, um jedem ein Dach über den Kopf zugeben?

Assmann: Einen Obdachlosen einfach so wieder in eine neue Wohnung zu setzen funktioniert nicht, da diese Menschen mit ihren psychischen Problemen nicht mehr alleine zurechtkommen. Viele wollen, aber können nicht, weil sie es vom Kopf her nicht umsetzen können. Leider gibt es in Deutschland auch nicht wirklich viele Hilfen, die Menschen mit psychischen Problemen wieder ein normales Leben in der Gesellschaft ermöglichen. Manche sind dadurch so lange auf der Straße, die wollen auch gar keinen festen Wohnsitz mehr oder geschlossene Räume, wie zum Beispiel Hans.

Hans: Ich lebe seit 32 Jahren auf der Straße, da geht es nicht mehr anders.

josefine: Wie sieht der Alltag eines Obdachlosen aus?

Assmann: Die meisten Obdachlosen haben keine Freunde und oft auch keine Familie, sonst wären sie nicht auf der Straße. Viele Obdachlose reisen, weil sie sich ihr Tagesgeld abholen wollen. Obdachlose haben ein Anrecht auf Tagesgeld, jedoch bekommen sie nur einige Tage im Monat pro Stadt diese Gelder und müssen daher von Stadt zu Stadt reisen, um jeden Tag Geld zu bekommen. Die Höhe der Tagesgelder beträgt ca. 15€, das variiert aber von Stadt zu Stadt etwas. Oft können sie auch dort am Ort schlafen, wenn etwas frei ist. Zum Beispiel hier im Franziskushaus in Hanau bekommen sie 7 Tage Tagegeld und können dort auch eine Woche schlafen, haben also ein Dach über dem Kopf. Oder sie beantragen das Bürgergeld, aber bis es genehmigt wird dauert es lange und braucht viel Kommunikation mit dem Amt. Das überfordert viele. Da bleiben sie lieber auf der Straße und schlafen im Park oder in der U-Bahnhaltstelle. Viele bewegen sich da auch nicht weg, sie haben ihren Platz, über Jahre, und passen auf den auf, bis sie dort sterben.

josefine: Wie soll ich mich verhalten, wenn ich einen Obdachlosen auf der Straße sehe? Und wie erkenne ich, ob es ein echter obdachloser ist?

Assmann: Man muss unterscheiden zwischen Menschen, die betteln, die sind meistens gar nicht obdachlos, und Obdachlosen. Obdachlose betteln nicht. Hans, bettelst Du auf der Straße?

Hans: Nie.

Assmann: Obdachlose wollen eher ihre Ruhe haben, sie schämen sich auch und wollen oft gar nicht angesprochen werden. Viele Menschen sind sich uneinig, ob sie Obdachlosen etwas geben sollen. Manche fragen dann, ob sie ihnen etwas zum Essen holen sollen. Sagt der Obdachlose dann nein, er habe keinen Hunger, gehen die Leute weiter, weil Geld wollen sie ihm nicht geben. Dabei ist es kein Wunder, dass er keinen Hunger hat, wenn ihn vielleicht schon 30 oder 40 Leute vorher etwas zum Essen angeboten haben. Und Geld wollen viele nicht geben, weil sie denken, er holt sich dafür Alkohol. Und so hat er gar nichts.

josefine: Wie machen Sie das, wenn Sie einen Obdachlosen auf der Strasse sehen?

Assmann: Wenn ich etwas geben möchte, dann gebe ich dem Obdachlosen Geld, denn ich finde, er soll damit machen, was er möchte. Ich kann gar nicht in dem Moment wissen, was er wirklich dringend braucht. Und wenn er sich Alkohol kauft, weil er nachts im Hauseingang bei minus 10 Grad sitzt und sich damit aufwärmen will, oder Zigaretten, weil er sie gerade zur Beruhigung braucht, oder seinem treuen Hund Futter, dann ist das so. Oder er kauft sich später etwas zum Essen davon, wenn er wieder Hunger hat.



josefine: Soll ich Obdachlose auch mal ansprechen? Und wenn ja, wie?

Assmann: Manchmal freuen die sich auch, wenn man sich mit ihnen unterhält. Manche sind offen und erzählen dann ihre Geschichte. Man merkt schnell, ob jemand sprechen will oder nicht, Schon die Körperhaltung verrät das oft. Aber viele freuen sich, weil sie sonst keinen Alltag haben. Wenn Eltern mit Obdachlosen einen respektvollen Umgang haben, dann ist das auch für Kinder ein wichtiges Vorbild, dass man nicht blind an Obdachlosen vorbeiläuft. Ich bekomme öfter mit, dass Eltern aber nicht wollen, dass ihre Kinder mit Obdachlosen in Kontakt kommen. Dabei kann es jedem passieren, auch wenn man im Moment viel Geld hat.

josefine: Wie kann man Obdachlosen konkret helfen? Und was kann man tun?

Assmann: Gerade wenn man im Winter, wenn es eiskalt ist, oder im Sommer bei brütender Hitze, einen Obdachlosen sitzen sieht, der nicht gut aussieht, dann ruhig mal fragen, hey, gehts dir gut, und im Zweifelsfall, wenn keine Reaktion kommt, mit der 112 den Rettungsdienst rufen und sagen, hier ist ein Obdachloser, dem gehts ganz schlecht, und dann kommen die. Da muss man keine Angst davor haben, dafür muss keiner etwas bezahlen. Denn wenn man nichts tut, dann sterben einfach auch viele auf der Straße, weil jeder denkt, der ist bestimmt besoffen. Tatsächlich haben manche Obdachlose Alkohol getrunken, und dann merken die die Kälte und Hitze gar nicht mehr und sterben.

josefine: Warum haben Sie eigentlich die Strassenengel ins Leben gerufen, gab es ein Schlüsselerlebnis?

Assmann: Die Strassenengel sind mein Herzensprojekt. Mein Schlüsselerlebnis war, dass ich als Jugendliche selbst mal kurz obdachlos war. Ich komme aus schwierigen Familienverhältnissen, wie viele obdachlose Menschen auch. Meine Mutter hat mich als Kind psychisch und körperlich sehr misshandelt und ich bin ganz früh von zu Hause weg, mein Lebenspartner hat mich dann in der Wohnung eingesperrt, und als ich da raus kam saß ich erstmal auf der Straße. Einmal habe ich auf der Zeil einem Mann meine eben teuer gekaufte Bomberjacke geschenkt, sonst wäre er wahrscheinlich dort erfroren. Ja, so fing das an. Ich habe dann 14 Jahre in Frankfurt als Streetworkerin gearbeitet. Vor 8 Jahren wollte ich dann was selber machen, habe den Verein hier gegründet und den Bahnhof hier mit ganz vielen Menschen und Ehrenamtlichen ausgebaut als Begegnungsstätte für Obdachlose.

josefine: Was wollen Sie noch erreichen?



Assmann: Ich bin dabei, ein Mehrgenerationenhaus zu machen. In dem Haus sollen Mütter mit ihren Kindern leben, die aus dem Frauenhaus kommen, zusammen mit Senioren, die keine Verwandten mehr haben. Das ist meine Vision. Aber ich bin noch auf der Suche nach dem richtigen Haus.

josefine: Frau Assmann, vielen Dank für Ihre Zeit und das nette Gespräch. Es hat uns viel Spaß gemacht. Wir wünschen Ihnen Alles Gute!



Das ist Hans:

Hans sitzt bei unserem Interview am Nebentisch, schaltet sich bei manchen Fragen zurückhaltend mit ein. Am Ende möchten wir Hans gerne auf dem Gruppenbild mit dabei haben und mehr über ihn wissen. Am Tag des Interviews bleibt dafür leider keine Zeit, aber unser AG-Leiter Herr Grote besucht Hans einige Tage später noch einmal bei den Strassenengeln und lässt ihn erzählen.

Hans wurde am 15. September 1952 in Hochstadt (Maintal) geboren, hat einen Bruder und eine Schwester sowie eine Tochter und einen Sohn und mehrere Enkelkinder.

Als Hans 39 Jahre alt ist, bricht sein Vater zu Hause vor seinen Augen sterbend zusammen. Hans kann ihm nicht helfen, der herbeigerufene Arzt auch nicht. Es ist der Moment, der das Leben von Hans für immer verändern wird. Dieses Bild bekommt Hans bis heute nicht mehr aus seinem Kopf, es macht ihn psychisch fertig. Eine Therapie bringt keinen Erfolg, er bleibt psychisch angeschlagen. Hinzu kommen Familienstreitigkeiten. Er kann und will keiner Arbeit mehr nachgehen, entscheidet sich für das einsame Leben auf der Strasse.

Seit 32 Jahren ist Hans nun obdachlos, ist jetzt 71 Jahre alt. Er übernachtet bei Kälte in Herbergen für Obdachlose, bei wenigen Bekannten oder im Gästezimmer des Pfarramts, das ihm der Pfarrer für ein paar Tage überlässt. Wenn die Temperaturen es zulassen, schläft Hans aber lieber Draussen, auf dem Friedhof oder in öffentlichen Grillhütten im Wald. Den Sommer über campt er in seinem kleinen Zelt am Kahler See, das kostet ihn nur 1 Euro am Tag, Dusche und Toilette inklusive. Eine Wohnung will er nicht mehr, es würde ihm auch keiner eine geben.

Hans ist immer alleine, Freunde hat er keine. Er hat nur eine kleine Rente, den Rest zum Leben bekommt er von Menschen zugesteckt, die ihn seit Jahren gut kennen und schätzen. Mit 20 Euro kommt Hans 3 Tage aus. Betteln kann er nicht leiden. Für Lebensmittel braucht er fast nie etwas auszugeben, er bekommt es in jedem Ort von Metzgereien oder Gaststättenbetreibern, die ihn schon lange kennen. Nur mal ein Bierchen oder ein paar Zigaretten kauft sich Hans, reicht das Geld gönnt er sich hin und wieder ein Schnitzel in der Gaststätte, aber meist nur, wenn es Draussen so richtig regnet und ungemütlich ist. Schulden macht er keine, und wenn, zahlt er sie zurück. Auch Schlägereien mit Menschen, die etwas gegen Obdachlose haben, ist er immer aus dem Weg gegangen.

Hans ist ständig unterwegs. Die meisten Strecken läuft er zu Fuss, oft 20 km am Tag und mehr, den Rest fährt er mit Bus und Bahn. Früher war Hans in ganz Europa als Obdachloser unterwegs, Holland, Belgien, in Spanien und Frankreich, immer allein. Heute fährt er hauptsächlich im Main-Kinzig-Kreis umher. Dort kennt er alle Möglichkeiten, wo er unterkommen kann zum Schlafen, wo er etwas zu essen bekommt, wo ihm der eine oder andere Euro zugesteckt wird, zum Beispiel nach der Kirche am Sonntag.

Bei den Strassenengeln ist er manchmal fast jeden Tag, dort wird er anerkannt, freundlich behandelt und bekommt immer etwas, was er gerade braucht. Zu seinen Geschwistern hat Hans keinen Kontakt. Etwa einmal im halben Jahr besucht er seine Kinder und Enkel in Aschaffenburg. Aber meist nur für eine Woche, er ist das Gewusel nicht gewöhnt, dann muss er wieder weiter. Deswegen zieht er auch nicht bei seinen Kindern ein, obwohl sie es ihm anbieten. Dass manche Menschen Vorurteile gegenüber Obdachlosen haben, das wird sich nie ändern, sagt Hans. Trotzdem ist Hans ein zufriedener Mensch. Er freut sich, wenn er mit einem netten Menschen ab und zu mal ein Schwätzchen halten kann. Was er sich wünscht? Gesundheit für noch ein paar weitere Jahre. 80 will er mindestens noch werden.

(aufgezeichnet in Vertretung der Redaktion von Andreas Grote)